21.4.18

"Feindbilder vernichten"

"Dem Rad in die Speichen fallen" hat Dietrich Bonhoeffer für nötig gehalten. Das heißt, man darf nicht warten, bis es Opfer gibt, um ihnen dann zu helfen. 
Auf das gleiche Argument beruft sich auch die so genannte Humanitäre Intervention. Keine Frage, dass es sinnvoller gewesen wäre, die Gleisanlagen auf dem Wege nach Auschwitz zu zerstören, als in einer weiteren Großstadt Feuerstürme zu entfachen. 
Die Vergeltungsaktion für den Giftgasangriff, von dem nicht nachgewiesen war, wer ihn veranlasst hat, half weder den Opfern noch half er, sie zu verhindern.* Wofür könnte der gut gewesen sein?

Reinald Engelbrecht glaubt den "Hauptgrund für immer neue Kriegsschauplätze und Flüchtlingsströme" gefunden zu haben:
"Ein militärisch-industrieller Komplex, der mit einem jährlichen 700 Milliarden-Dollar-Etat aus Washington gefüttert wird und darum mit neuen und alten Feindbildern und inszenierten Konflikten seine Berechtigung nachweisen muss." (Bergsträßer Anzeiger 21.4.18) In dieser Hypothese wäre er sich vermutlich mit dem Weltkriegsgeneral und späteren US-Präsidenten Eisenhower einig gewesen, der in seiner Abschiedsansprache am 17.1.1961 vor diesem militärisch-industriellen Komplex warnte
Als nach dem Zusammenbruch des Ostblocks um 1990 der NATO das Feindbild abhanden kam, führte das zu Kürzungen im Militärhaushalt, wenn auch nur zu geringen. Diese
"Friedensdividende" hätte vielleicht in der Tat die Rüstungsindustrie mittelfristig schwächen können, wenn nicht die Anschlage auf das Welthandelszentrum vom 11.9.2001 zu einem neuen Feindbild und neuen Kriegen geführt hätte. 

Doch wer auch immer an Feindbildern interessiert sein mag (Terrororganisationen gewiss),
Wenn man die Auffrischung alter oder die Entstehung neuer Feindbilder verhindern kann, hat man sicher einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass es nicht zu immer neuen Opfern kommt. 
Als Pfarrer ruft Reinald Engelbrecht dazu auf "Feindbildervernichter" zu sein. 
Ich denke, man braucht kein Christ zu sein, um sich diesem Aufruf anzuschließen. 

Freien Medien, die nicht - wie etwa in der Türkei - mit Repressalien rechnen müssen, stünde es gut an, keine Feindbilder zu schüren. Freilich, auch in Demokratien fällt es gar nicht leicht, gegen den Mainstream anzugehen. 
Es könnte aber dazu beitragen, dass viele Opfer vermieden werden.

Der Blick auf die Jemenkrise und die militärischen und humanitären Folgen kann das vielleicht besser verdeutlichen als der auf den Syrienkrieg, weil uns die dortigen Feindbilder weniger vertraut sind.

* Völkerrechtliche Implikationen des Militärschlags vom 14.4.2018

13.4.18

Musterbeispiel zu Schwierigkeiten bei der Formulierung von Nachrichten

Der Fall Skripal ist für die Behandlung im Unterricht nicht wichtig genug.
Wohl aber eignet er sich dafür, die Probleme bei der verkürzten Wiedergabe von Nachrichten und ihrer Richtigstellung zu behandeln:

Fake News oder interessengeleitete Interpretation? Fonty 13.4.18

Der Fall Skripal wird zum Offenbarungseid einer Branche Nachdenkseiten 13.4.18 (Die Überschrift ist auch nicht gerade ein Musterbeispiel von Objektivität.)

11.4.18

Wolfgang Kraushaar: „Den RAF-Parolen nicht nochmal auf den Leim gehen“ 1968 und die Folgen

Den RAF-Parolen nicht nochmal auf den Leim gehen“ FR 17.11.17
Kraushaar: Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf  2007
"[...]Dutschke war weder ein Befürworter der RAF noch einer des Terrorismus insgesamt Trotz aller Beziehungen, die er zu jenen inhaftierten RAF-Mitgliedern pflegte, die er wie etwa Jan-Carl Raspe aus der Zeit vor dem Attentat kannte, war Dutschke ein politischer Gegner der RAF. Er sah in ihr im Grunde eine jener Sekten, die nach dem Niedergang der APO und des SDS so zahlreich entstanden waren und unter leninistischen, stalinistischen und maoistischen Vorzeichen das Land überschwemmten. [...]" 



Wolfgang Kraushaar: 1968, 2018 100 S. bei Reclam (mit Leseprobe)

Kraushaar versucht, seine Erfahrungen (er fing mit 19 Jahren in Frankfurt sein Studium an und hörte u.a. Adorno) durch mittlerweile jahrzehntelange Quellenstudien in historische Einsichten umzumünzen. 

Ich war damals älter und erheblich distanzierter als er, bin aber froh, dass ich mein damals gesammeltes Material nicht zu veröffentlichen brauche, weil andere das sehr viel besser gemacht haben.
Auf mein politisches Tagebuch vom 1.7.1966 - 16.10.1969 weise ich aber hin. Mir selbst ist bemerkenswert, wie wenig darin und auch in meinem privaten Tagebuch von der Studentenbewegung (Beispiel 4.6.67: Der hinweis auf Ohnesorg geht unter anderen Nachrichten nahezu unter, obwohl ich klarstelle, dass ich auf der Seite der Demonstranten stehe.)  und Erlebnissen in diesem Kontext die Rede ist, obwohl sie mich sehr umgetrieben haben. - Vermutlich hatte ich das Gefühl, das Geschehen nicht beurteilen zu können und mit schriftlichen Urteilen bis zu einem größeren Abstand davon warten zu sollen.

10.4.18

Zuckerbergs Befragung vor dem US-Kongress und Faktencheck durch die NYT (Livestream)

Livestream der Befragung

Zuckerberg is scheduled to appear before a joint hearing of the Senate Judiciary and Commerce committees on April 10 (Tuesday). Zuckerberg will also appear April 11 (Wednesday) in a hearing before the House Energy and Commerce Committee.
Tuesday will mark Zuckerberg's first congressional appearance, and lawmakers are sure to grill the 33-year-old executive of one of the world's most valuable companies. Here's how you can watch lawmakers seek further details about abuse of the Facebook platform and the company's actions.
Livestream der Befragung
(https://www.cbsnews.com/live-news/watch-mark-zuckerberg-testimony-senate-judiciary-commerce-committee-facebook-data-breach-today-live/)

Tweets dazu

Faktencheck zu seinen Aussagen durch die New York Times
https://www.nytimes.com/2018/04/10/technology/zuckerberg-elections-russia-data-privacy.html 

Mark Zuckerberg bleibt die zentrale Antwort schuldig NZZ 11.4.18


Focus 11.4.18:
"19.10 Uhr:Senator Loebsack stellt nun die existenziellen Fragen: Ist es möglich für Facebook, als Unternehmen zu existieren, wenn man keine Daten verkaufen würde?
Zuckerberg korrigiert sofort: Man verkaufe keine Daten an Firmen.
Loebsack schlägt zurück: Wenn man die Daten teile anstatt verkaufe?
Das kann Zuckerberg nicht wirklich mit Ja beantworten."

Welt 12.4.18: Diese vier Fragen will Mr. Zuckerberg nicht beantworten
 Lindsey Graham aus South Carolina "wollte schlicht wissen, wer Facebooks Rivalen sind. Der Gedanke hinter der Frage ist, dass Facebook womöglich eine Monopolstellung besitzt und der Markt mehr Wettbewerb benötigt. Zuckerberg wirkte verunsichert, geriet ins Stottern. Welche soziale Plattform sollte er als Konkurrenten nennen? Instagram und WhatsApp wären Möglichkeiten – aber die hat Facebook ja gekauft. Und so blieb Zuckerberg die Antwort schuldig."

FAZ 11.4.18:


Spiegel online: US-Senatoren grillen Mark Zuckerberg

ZEIT: Der große Datenmissbrauch

7.4.18

50 Jahre Club of Rome: Zeit für aufgeklärtes Handeln

Heute feiert der Club of Rome (Tweets zu Club of Romesein 50-jähriges Bestehen.
Weltweit bekannt geworden ist er durch seinen Bericht Die Grenzen des Wachstums, 1972. Der hat aufgerüttelt und viele Diskussionen angeregt.
Viel Zeit ist vergangen. Viel ist getan worden, aber noch mehr Falsches.
Die Konsequenzen aus der neuen Situation zeigen die neusten Berichte:

Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen, 2017
   dazu:  
   Rezension Perlentaucher
  Bericht der FR
  Bericht im Deutschlandfunk
  Interview mit Ernst Ulrich von Weizsäcker (Das-Kapital-wurde-arrogant)

Ein Prozent ist genug, 2016

2052. Der neue Bericht an den Club of Rome. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre, 2012

So viel fürs erste. Ich empfehle, den angegebenen Links nachzugehen.



Co-President Ernst von Weizsäcker at anniversary lecture in presenting latest report to the Club of Rome !

Read this article by Global Footprint Network that shows the UN Sustainable Development Goals are negatively correlated to sustainability. The conclusion: Development needs to embrace resource security to deliver lasting results.

4.4.18

"Facebook ist nicht Google, es hat nicht die gleiche Qualität der Mitarbeiter"

"Facebook ist nicht Google, es hat nicht die gleiche Qualität der Mitarbeiter", sagt Andreas Weigend 
Das schreibt die ZEIT. Sie fährt fort, der Apple-Chef Tim Cook habe gesagt, "Ich wäre nicht in dieser Situation" und lege damit nahe, "dass Apple zu klug war, um den Nutzer selbst samt seiner Daten zum Produkt zu machen". (ZEIT online 4.4.18)

Ich fühle mich in meiner jahrelangen Ablehnung von Facebook bestätigt.
Zwar halte ich auch Googles Umgang mit den Daten seiner Nutzer für fragwürdig, und ich versuche, seine Marktmacht möglichst wenig zu fördern. Aber da, wo Google das beste Instrument liefert, scheue ich nicht davor zurück, es einzusetzen, auch wenn ich versuche, es zu umgehen. In der ZEIT heißt es auch: "Entsteht aus dem Facebook-Skandal ein gesundes Verhältnis zu Daten? Unmöglich ist das nicht." In diesem Fall hoffe ich mit, auch wenn die Hoffnung nicht sonderlich gut begründet ist.
Ich wäre schon froh, wenn ein gesunderes Verhältnis zu Daten herauskäme.

30.3.18

Durch Bestechung zur Belohnung - Was wir von der Hundeerziehung für die Selbsterziehung lernen können

Zu den vier Bs, mit denen man sich gesund erhält, gehört ganz wesentlich auch die Belohnung. Aber wie kann man sich selbst belohnen, wenn kein anderer es tut?

Das wird im Blog "Pausenkaffee" am Beispiel der Hundeerziehung klar gemacht:


"Schauen wir uns mal in der modernen Hundeerziehung die Idee der Belohnung an. Es muss ja etwas anderes sein als eine Bestechung. Lernt ein Hund einen neuen Trick (ich bleibe mal beim “Sitz”), so wird er zunächst mal bestochen, das Verhalten auch auszuführen, damit er es erst mal lernt. Das ist normal und auch kaum anders zu machen, da der Hund zunächst lernen muss, was “Sitz” bedeutet. Entweder bestechen wir mit Leckerlis, oder mit Zugang zu anderen Ressourcen.
Hier ist der Punkt, an dem sich die Hundeerziehung aber von der Menschenerziehung meist unterscheidet oder ihr sogar einen Schritt voraus ist. Denn die Bestechung wird dann Stück für Stück ausgesetzt. Die Hand macht die gleiche Geste und tut so, als wäre da ein Leckerli, aber da ist gar keins. Fies und gemein. Und dann passiert etwas für den Hund Seltsames: für die zweite Ausführung des “Sitz” gibt es plötzlich wieder etwas. Oder für die dritte, vierte oder zwanzigste. Stück für Stück wird die Bestechung durch eine Belohnung ersetzt.
Der Hund führt den Trick nicht mehr aus, weil er dann das Leckerli bekommt, sondern weil er dafür vielleicht ein Leckerli bekommen könnte. Nicht falsch verstehen: der Hund bekommt dann nicht etwa mengenmäßig mehr zu fressen oder ein besseres Futter, sondern immer noch das Gleiche wie vorher.
Studien haben gezeigt, dass beim Geben der Belohnung Serotonin ausgeschüttet wird. Das Krasse ist, dass umso mehr Glückshormone ausgeschüttet werden, desto länger nix kam – natürlich nur bis zu einer gewissen Grenze. Das heißt: je seltener und ungleichmäßiger die Belohnung war, desto größer war der Serotoninausstoß. Es kommt aber noch krasser. Der Hund spürt die Freude nach kurzer Zeit auch schon beim Ausführen des Tricks selbst. Er handelt also nicht mehr primär für das Leckerli, sondern für den Trick an sich. Er ist intrinsisch motiviert sich auf Befehl hinzusetzen."
(Von Bestechung und Belohnung bei Hunden und Schülern, Pausenkaffee 27.3.18 - kleine Tippfehler sind verbessert, Hervorhebungen und ein Link hinzugefügt)

Gemeinhin spricht man in der Psychologie bei der Selbsterziehung davon, man solle sich selbst belohnen. Dabei ist das, was einem da empfohlen wird, ja nur eine Methode, wie man sich selbst bestechen kann. Aber das Gute ist, dass man über Selbstbestechung gute Gewohnheiten entwickeln kann. 
So ist das Fasten der Mönche und das Verzichten auf etwas Angenehmes in der Fastenzeit (wie es seit einiger Zeit immer häufiger geübt wird) auch eine Übung in der höchst wichtigen Fähigkeit der Selbstbeherrschung.
Was religiös begründet wurde, ist eine Form der Selbsterziehung. 

28.3.18

Facebook, Datenschutz und zur Reaktion auf erfolgreichen "Datenklau"

Vermutlich sind persönliche Daten über Einstellungen von 50 Mill. Personen bei Facebook abgegriffen und vielleicht für die Optimierung des US-Wahlkampfs verwendet worden.

Die evangelische Kirche von Hessen-Nassau stellt daher Forderungen auf, hat aber weiterhin vor, ihre Verkündigung über Facebook zu verbreiten.
Das scheint mir unproblematisch, sofern sie damit nur dir für den Predigtzweck erforderlichen Daten ihrer Organisation preisgibt. Wenn man aber für die Verkündigung den Dialog für nötig hält, wird es problematisch. Auf der Seite der EKHN heißt es:
„Das Evangelium ist doch zuerst ein persönliches Zeugnis“, stellt Social-Media-Pfarrer Hans Genthe fest. Da kämen die Sozialen Medien wie gerufen. Während Zeitungen und Bücher, ja die Bibel selbst, keinen Dialog ermöglichten, seien die Sozialen Medien auf persönliche Ansprache und Austausch angelegt. 
Wenn man jetzt, bevor Facebook auf die Forderungen reagiert hat, das Netzwerk völlig unverändert auf Facebook betreibt, erscheint mir das problematisch.
Manche Kritik an sozialen Netzwerken scheint mir überzogen, aber gegenüber Facebook ist ein unbekümmertes Weiter so aus meiner Sicht das falsche Signal.

mehr zu Facebook:
Der Techlash erwischt Facebook von Gundula Stoll 28.3.18

19.3.18

Gewalt an Schulen - Sind Lehrer überfordert?

Mit Sicherheit gibt es immer wieder Situationen, in denen sich Lehrer überfordert fühlen. 
Das war schon immer so. Mit gesteigerten Anforderungen an die Lehrer (Lehrer als Seiteneinsteiger mit unzureichender Einarbeitung, Digitalisierung und Inklusion sind nur Beispiele dafür) nimmt das zu. Ganz zu vermeiden sind solche Situationen nicht, aber angesichts der höheren Ansprüche müsste es mehr unterstützende Strukturen geben.

"[...] Ilka Hoffmann, Mitglied im Hauptvorstand der GEW, nennt das Problem vielschichtig. Einerseits kämen zunehmend Lehrer an die Schulen, die noch unerfahren seien. Andererseits gebe es häufig in Stadtteilen Probleme, in denen sozial weniger gut gestellte Familien wohnten. Hier kämen Lehrer oft schlechter mit den Schülern zurecht. Schüler seien durch die Medien mehr und mehr mit Gewalt konfrontiert. "Lehrer müssten darauf reagieren, werden aber mit diesen Problemen oft allein gelassen. Sie brauchen ein gutes Beratungs- und Unterstützungssystem."
Hans-Dieter Fuchslocher, der Vater aus Olching, hat sich inzwischen anders beholfen. Er hat seine Tochter von der Schule genommen. Sie besucht jetzt eine Privatschule in München. Er sagt, sie habe wieder Spaß am Unterricht." (Gewalt an Schulen SPON 17.3.18)

Ist Zwei-Klassen-Bildung die angemessene Lösung des Problems?

18.3.18

Über Beziehungen im Netz

In gutefrage.net teilt ein Fragender mit: "Ich muss zur Jugendweihe ins KZ" (Seine Mutter hat ihn zur Fahrt dorthin angemeldet.)
Er bekommt verständnisvolle Antworten und Hinweise, er solle mit seiner Mutter darüber reden.
Ihn wird auch gesagt, weshalb es sinnvoll sei, einmal ein historisches KZ gesehen zu haben.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Dringlichkeit des Anliegens, dass man verstehen solle, was damals geschehen ist, nicht deutlich genug geworden sei. Und hatte das Bedürfnis, diese Dringlichkeit deutlicher herauszuarbeiten. Dabei hatte ich nicht die Hoffnung, den Jugendlichen zu erreichen; denn die Formulierung "Ich muss zur Jugendweihe ins KZ" klingt ja doch, als ob er sehr wenig Verständnis für das Anliegen habe.
Jetzt erhalte ich die Mitteilung, dass er meine Antwort als hilfreichste bezeichnet habe.

Das hat in mir den Eindruck erweckt, dass hier eine Beziehung entstanden ist, wie ich sie im Unterricht vor Ort oft nicht erreicht habe. Zusätzlich habe ich eine Rückmeldung erhalten, wie man sie im Unterricht meist nicht erhält. (Weshalb es sinnvoll ist, sich darum zu bemühen, auch wenn das manchmal zu frustrierenden Erfahrungen führen kann, kann sich manche(r) wohl denken. Das ist aber ein anderes Kapitel.)
Das rechtfertigt für mich die Anwendung des berühmten - höchstwahrscheinlich zu Unrecht -Niemöller zugeschriebenen Zitats. (Ich habe es mit einem Kunstgriff eingeführt.)

Jetzt mein Text, der für mich über die Rückmeldung zu einer sinnvollen Äußerung im Netz geworden ist:

Wenn du von uns Argumente hören willst, weshalb du nicht erfahren solltest, zu was für Grausamkeiten Menschen fähig sind und was für Verbrechen von Deutschen begangen worden sind, dann hast du hier genug gelesen.
Wenn du aber der Meinung bist, es sollte nicht wieder vorkommen, dass Millionen von friedliche Menschen getötet werden, weil sich jemand ausgedacht hat, das sei sinnvoll, dann solltest du die Chance nutzen, mehr darüber zu erfahren, wie es dazu kommen konnte.
Wenn du aber das Tagebuch von Anne Frank schon gelesen haben solltest, genauso wie Eugen Kogons SS-Staat und Ist das ein Mensch? von Primo Levi, dann weißt du bereits das Wichtigste, denn du weißt schon, was Martin Niemöller erst lernen musste:
"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

Der Kunstgriff - sicher schon bemerkt - ist, dass ich das Zitat als Erfahrung, nicht als Äußerung Niemöllers eingeführt habe. Wichtig ist mir das Zitat, weil es in aller Kürze das zusammenfasst, was die Rechtfertigung all des politischen Handelns zusammenfasst, das zwar einem wichtigen Zweck dient, aber wenig Chancen auf Wirkung hat: Ein sehr wichtiger Zweck rechtfertigt auch aussichtsloses Handeln.
So lese ich einerseits mit Bewunderung Texte über Menschen, die viele andere vor der Tötung in Vernichtungslagern bewahrt haben, aber auch Texte, wo ich davon erfahre, das jemand das Risiko eingegangen ist, zu helfen, obwohl er mit der Todesstrafe rechnen musste, und wo er die Menschen nicht retten konnte.
Das berühmteste Beispiel dafür sind die Helfer, die die Familien Frank und Pels und Fritz Pfeffer im Versteck im Achterhuis in der Prinsengracht versorgt haben. Sie konnten das Leben der meisten nicht bewahren, aber sie retteten das Tagebuch und (Glück im Unglück kam hinzu) Otto Frank, der das Lebenswerk seiner Tochter danach zu seinem Lebenswerk machte. 

Man merkt, so sehr ich die direkten Beziehungen zu Menschen wichtiger zu nehmen versuche, so suche ich immer noch eine Rechtfertigung für den Versuch, auch über das Netz ein klein wenig dazu beizutragen, dass wir den Eifer trotz wenig aussichtsreicher Lage nicht verlieren. Und ich danke  DerBoy3001 von gutefrage.net, dass er seinen Teil dazu beigetragen hat. 

16.3.18

Nicht nur ein "Gespräch über Bäume" ...

Nicht nur ein "Gespräch über Bäume", sondern auch der Bericht über hundert Anlässe, sich zu engagieren, schließt ein "Schweigen über so viele Untaten" (Brecht: An die Nachgeborenen) ein.

Ich schweige auf meinen drei Blogs, auf denen ich mich hauptsächlich zu politischen Vorgängen äußere, über unglaublich viel. Freilich, dieses Schweigen wird noch weniger wahrgenommen als mein Schreiben. (Das sollte mich beruhigen.)

Geschwiegen habe ich z.B. darüber, wie sehr das britische Ultimatum an Russland dem österreich-ungarischen an Serbien von 1914 gleicht und das Verhalten der Vertreter der EU und der NATO dem des Deutschen Reiches in der Julikrise. Denn schließlich gibt es ja auch Unterschiede, und empören müsste man sich über beinah jeden Tweet von Trump. Und wenigstens das leistet die Presse im Überfluss. Denn wenn es wirklich ernst wird, nimmt es dann keiner mehr wahr. (Auch das gehört zu Trumps Stil.)

Dennoch, es gibt so vieles, was man wirklich aufgreifen müsste und was ich nicht aufgreife.
Da freue ich mich über die vielfältige Information durch die BpB (Bundeszentrale für politische Bildung), die nicht nur erfreulich umfassend und Hintergründe erfassend, sondern auch multiperspektivisch (vgl. z.B. euro|topics) informiert. Von regierungsamtlichen Institutionen geschieht das nicht allzu oft.

10.3.18

Was mache ich hier eigentlich?

Während in meiner aktiven Zeit als Lehrer meine Blogartikel weitgehend auf meinen Erfahrungen mit Schule und Schulbürokratie beruhten, ergeben sie sich seitdem aus dem, was mir mein persönliches Lernnetzwerk (PLN) mir zuträgt: Zeitungen und Zeitschriften, gedruckt und online, Kontakte mit Internetbekanntschaften (nicht zuletzt aus der ZUM), die ich nur selten persönlich treffe, Twitter, gutefrage.net, MOOCs, Newsletter u.ä. Eigene Recherchen betreibe ich nicht.

Hat ein solcher Echoraum für medial Produziertes seinen Sinn?
Positiv beantworten würde ich es eindeutig bei 2052. ..., Flüchtlinge und "Der Mann, der die Wüste aufhielt" (basierend auf einem ZEIT-Artikel von Andrea Jeska).
Bei meinen weit über 1000 anderen Texten? Bei meinen Meinungsäußerungen?
Immer wieder lese ich Artikel, die ich für festhaltenswert und empfehlenswert halte und erstelle Blogartikel, wie ich früher Zeitungsausschnitte sammelte. Bei einem Wikipediaartikel wie Zeitungsausschnitt, der 2009 entstand und seitdem immer wieder einmal verbessert wurde und gegenwärtig täglich zweimal abgerufen wird, erscheint mir das unbedingt sinnvoll, weil ich heute dort nicht nur lesen kann, was ich damals dazu herausgefunden habe, sondern auch, was ich in der Zwischenzeit hätte lernen können, wenn ich mich weiterhin damit beschäftigt hätte.

Ich will in Zukunft mehr Zeit für Beziehungen aufwenden und weniger für solche Texte.
Freilich, die Frage "Was tue ich eigentlich?" sollte man sich immer wieder stellen. Aber muss man wirklich einen Blogartikel dazu schreiben, nur damit man später einmal weiß, was man damals gedacht hat?

Und wenn Sie bis hierher gekommen sind, fragen Sie sich vermutlich: "Warum habe ich das hier eigentlich gelesen?"
Meine Schüler haben mir über die Aussageabsicht von Texten meist gesagt: "Der Text will zum Nachdenken anregen."
Hilft Ihnen das weiter?

23.2.18

Plädoyer für ...

"Unter unseren Schulbüchern war eines, das sich, obgleich von außen so nüchtern und drohend sachlich wie nur irgend ein Leitfaden und Grundriß, durch eine schöne Menschenfreundlichkeit und Zugänglichkeit des Inhalts vor allen anderen hervortat. [...]

Dieses Buch, dass eine zartere und gütigere Hand, als die sonst waltende den vorgeschriebenen Lehrmitteln hinzugefügt haben mußte, hieß einfach das Deutsche Lesebuch. Es war uns gegeben einzig und allein zu dem Zweck, damit wir die Sprache, unsere Muttersprache anschauten – oder vielmehr, damit wir sie belauschten, wie sie sich lächelnd selber anschaut im Gedicht." (Thomas Mann in "Chamisso", Einleitung in "Peter Schlemihls wundersame Geschichte", 1911)

Ich weiß, weshalb man Ganzschriften lesen sollte, und heute, wo das Internet zu kurzen Aufmerksamkeitsspannen erzieht, das Smartphone, was das Lesen betrifft, sogar besonders stark, da gelten diese Argumente sogar doppelt. 
Aber wie viele gute Texte haben als Ganzschrift angeboten schon viele Schüler verschreckt (Effi, das Biest; der "schlimme" Text Die Wahlverwandtschaften ...) und wie viele Texte werden in der Schule gar nicht mehr gelesen werden, weil über Ganzschriften dafür keine Zeit bleibt.

Wer von uns hat Musils Der Mann ohne Eigenschaften schon vollständig (samt Nachwortentwurf u.a.) durchgelesen? Und wie interessant ist doch der erste Absatz!

Wann kommt die Gelegenheit für Jean Pauls Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei?  Dabei bietet schon allein die Überschrift viel Anlass zur  Reflexion. Aber die Ganzschrift Siebenkäs zu lesen wird man zu recht keinem Schüler zumuten wollen.
Können wir wirklich auf Kleists Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden verzichten?
Natürlich können wir im Deutschunterricht nicht den vollständigen Roman Don Quijote lesen, aber können wir uns damit zufrieden geben, dass nur die Redensart "Kampf gegen Windmühlen" bekannt ist, wenn schon ein Ausschnitt aus einem Kapitel  einen Eindruck  vom Witz dieses Werkes vermittelt, der eine Anregung für spätere Lektüre bedeuten kann?

Wenn wir schon kein gedrucktes Lesebuch mehr haben, so sollten wir zumindest in elektronischer Form die wichtigsten Kurztexte, die im Curriculum nicht mehr vorkommen, bereitstellen. 

8.2.18

Supercomputer zielen auf Hirne von Kindern

Computeroptimierte Werbung  könnte exploratives Verhalten von Kindern zerstören.

In der ZEIT:

"Bridle steht nicht im Verdacht, ein Technikfeind zu sein. Seit seinem 13. Lebensjahr nutzt der heute 30-Jährige das Internet; im Selbststudium hat er sich die Techniken beigebracht, mit denen selbstfahrende Autos funktionieren. Sein Zorn richtete sich auch nicht primär gegen mangelnden Datenschutz oder nervige Online-Werbung. James Bridle, selbst kinderlos, sorgte sich um die Kinder." (ZEIT)
"Tristan Harris, der früher als Ethiker bei Google gearbeitet hat, sagte der New York Times: "Die größten Supercomputer der Welt stehen in zwei Konzernen – bei Google und Facebook – und worauf sind sie gerichtet? Wir zielen damit auf die Hirne von Menschen, von Kindern."" (ZEIT)

Original:
https://medium.com/@jamesbridle/something-is-wrong-on-the-internet-c39c471271d2

"As someone who grew up on the internet, I credit it as one of the most important influences on who I am today. I had a computer with internet access in my bedroom from the age of 13. It gave me access to a lot of things which were totally inappropriate for a young teenager, but it was OK. The culture, politics, and interpersonal relationships which I consider to be central to my identity were shaped by the internet, in ways that I have always considered to be beneficial to me personally. I have always been a critical proponent of the internet and everything it has brought, and broadly considered it to be emancipatory and beneficial." (Bridle in Medium)

In der ZEIT:

Die Kritik, die hier geübt wird, ist etwas anderes als die Kritik daran, kritiklos auf die Leistung von Computern zu vertrauen, oder die Warnung vor der Verführbarkeit unserer intellektuellen Elite durch extrem interessante und extrem anspruchsvolle Aufgaben und auch als die Warnung vor der "Wüste Internet", die mediale Erfahrungen an die Stelle von Erfahrungen aus der Lebenswelt setzt. (Es gibt gute Gründe, weshalb es nicht sinnvoll ist, auf einem Planeten mit einer Bevölkerung von etwa 7,5 Mrd. Menschen in denen die Liebe zur unberührten Natur zu wecken. Denn je mehr Menschen diese Liebe entdecken, desto rascher wird selbst die scheinbar unberührte (Klimawandel, Plastik) verschwunden sein. Diese Natur darf also nur medial vermittelt werden.)

Hier geht es darum, dass vermutlich Kleinkindern ihr exploratives Verhalten in ihrer Lebenswelt abtrainiert wird und das computergesteuert. Das bedeutete, dass eine Internetsucht erzeugt würde, bevor der in unserer Zivilisation inzwischen für den Durchschnittsmenschen unvermeidliche Umgang mit dem Internet überhaupt einsetzt. 

Ist auch das eine Kritik, die die großen Segnungen des wertneutralen Werkzeugs Internets verkennt?

3.2.18

Sollte das Internet nicht mehr böse sein?

Herr Rau schreibt:
"[...] Das Internet war plötzlich kein Ort des Bösen mehr, sondern auch ein Ort der Verwirklichung, der Kommunikation und Zusammenarbeit. Das war ja bereits die Sicht der Minderheit, die 2005 im Web war - bevor dann das Internet Massenphänomen wurde und Facebook das Web 2.0 kaputt gemacht hat. Ganz kaputt? Nein, die Urgesteine von damals gab und gibt es immer noch." (Lehrerzimmer 3.2.18)

Es lohnt sich, den vollständigen Artikel zu lesen.

Ich war damals noch kein Blogger, sondern nur bei Wikipedia und ZUM-Wiki, aber Facebook empfand ich auch (wie die Kultusminister) als einen argen Angriff auf die Privatsphäre. 
Dazu habe ich 2011 geschrieben:
"Facebook lehne ich ab. Die Beseitigung von Privatheit (dazu jetzt auch Computerbild), die Facebook aggressiv betreibt, widerspricht m.E. eindeutig dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. [...]" (19.11.11)

Jetzt haben Google und andere nachgezogen; aber die Vorzüge des Netzes sind weitgehend geblieben.
Was schlechter und was besser geworden ist, zähle ich aber nicht auf. Viel zu viel!
Bei Gelegenheit äußere ich mich vielleicht zu meinem subjektiven Eindruck.

Nur so viel. Dass die Wikipedia inzwischen nicht zu schlecht, sondern für viele Schüler zu anspruchsvoll  geworden ist, hat ebenso Vor- wie Nachteile.


2.2.18

Wie für Wirtschaftskunde geworben wird

Nicht selten geht es dabei um Lobbyismus*und die Verführung zur Unmündigkeit*.

meine Reaktion:
Das Wirtschaftsquiz in der ZEIT vom 1.2.2018, S.22 dient vor allem der Einschüchterung, weil die Fragen zu  ökonomischem Denken und zu Steuern, die Sie stellen, vom Durchschnittsbürger selbstverständlich weitgehend falsch beantwortet werden. Wer kennt sich mit dem genauen aktuellen Stand des Arbeitslosengeldes aus, wenn er nicht selbst davon betroffen ist, wer kennt sich mit der Steuerquote von Alleinstehenden in 6 verschiedenen Einkommensstufen aus, wenn er verheiratet ist und sich nur für den Bereich seines Jahreseinkommens interessiert?
Dass heute der Absatz von Produkten mehr von Werbung und aktueller Einkommenslage als vom Preis abhängt, weiß man. Ob dennoch nur nach der abstrakten Relation von Angebot und Nachfrage gefragt ist, ist nicht klar. 
"Schnelles und langsames Denken" kennt nicht jeder und wird so in Fallen gelockt. 

Ihr Quiz ist ähnlich gut wie dir Frage nach den Rechtschreibkenntnissen von Kultusministern. Für politisches Urteil braucht man weder Rechtschreibkenntnisse noch die genaue Kenntnis über den aktuellen Hartz-IV-Regelsatz.
Als Erläuterung dazu:

Im Wirtschaftskundeunterricht habe ich jahrelang mit kostenlosem Material vom Bank-Verlag gearbeitet, in dem viele verfälschende Graphiken (Säcke dargestellt, die 9-faches Volumen suggerierten, wo nur 3-fache Menge vorlag; Graphiken, die eine extreme Steigerung vorgaukelten, weil bei Bewegungen im Bereich von 600 und 610 die unteren 590 abgeschnitten waren). Im Textteil gab es Entsprechendes, aber wegen geringerer Anschaulichkeit habe ich die Techniken nicht mehr so genau im Kopf. 

Für mich war das Anschauungsmaterial, an dem ich Verfälschung demonstrieren konnte. Aber da die korrekten Lehrbücher (aus Kostengründen) überaltert waren, habe ich damit auch Ideologie transportiert. Denn Anschauung (schnelles Denken) geht oft über Aufklärung (langsames Denken). 
Angesichts der Unterfinanzierung im Bildungsbereich (z.B. Grundschullehrermangel) werden zugelassene Lehrmaterialien weiterhin veraltet sein. Und sich stets aktuelle Materialien aus dem Internet zu holen verbietet sich für die meisten Lehrer nicht nur wegen der fehlenden Computer (alles auszudrucken kommt zu teuer), sondern auch wegen des Arbeitsaufwandes aufgrund unzureichenden Angebots in Bildungsservern.
Wie sich einseitiges Unterrichtsmaterial flächendeckend auswirkt, kann man sich leicht ausmalen.  

Trotzdem dazu noch ein Kommentar aus der ZEIT:  Ein Kniefall vor den Arbeitgebern ZEIT online 16.11.15* und ein paar konkrete Beispiele.

* "Dabei wird beansprucht, mit Modellierungen der ökonomischen Verhaltenslehre die soziale Welt zu erklären. Dies soll quasi eine Alternative zu den diskursiven Formen sein, in denen sich die Unterrichtsfächer der politischen Bildung bislang mit ökonomischen Phänomenen auseinandergesetzt haben."

Dabei geht es um die Lehrpläne. Das verfälschende Unterrichtsmaterial ist dabei nicht einmal berücksichtigt. 

*Insbesondere nachhaltiges Wirtschaften wird in der Wirtschaftsdidaktik völlig vernachlässigt. Begriffe wie Ressourceneffizienz  und Kreislaufwirtschaft ‎sind noch nicht in Schulbücher aufgenommen bzw. völlig ohne Kontext. 
In aktuellen Diskussionen sind sie ständig präsent:  , und tagesaktuell  (mehr dazu: bei LobbyControl). Dagegen ist  als Stichwort eher ein Langweiler, der nur von Lobbyisten in die Schulen getragen wird. (vgl. Ein Kniefall vor den Arbeitgebern ZEIT online 16.11.15)
Das Planspiel Börse, ein Musterfall von Lobbyismus, beherrscht im Dezember 2017 die Tweets zu Wirtschaftskunde bei denen zu 2018 finden sich  bisher nur meine Tweets.

Zum Stichwort Kreislaufwirtschaft:
Gegenwärtig überlässt man die Rückführung von Plastik in den Rohstoffkreislauf weitgehend dem Meer. Freilich das dauert:
bei einer Plastiktüte  10-20 Jahre, Styroporbecher 50 Jahre, Plastikflasche 450 Jahre. (Quelle: Frankfurter Rundschau vom 3.2.2018)

30.1.18

Lehrerarbeitszeit

"Lange Zeit wurde die Ermittlung der Arbeitszeit von Lehrkräften für unbestimmbar gehalten. Die neue Studie kommt jetzt zum gegenteiligen Ergebnis: Sie ist sehr wohl bestimmbar. Und sie ist im Durchschnitt deutlich zu hoch", kritisiert die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. (Spiegel online 29.1.18 zu GEW-Studie)

Arbeitszeitbestimmung
Ich habe es nie fertig gebracht, meine durchschnittliche Arbeitszeit zu bestimmen. Sie variierte zu sehr. Die kurzen Unterbrechungen, die nötig waren, um mich wieder zu konzentrieren, die unterschiedlichen Tätigkeiten beim Lesen (war es privates Interesse oder notwendige Vorbereitung für meine Arbeit, wenn ich mich politisch informierte oder z.B. Studien über Lehrerarbeitszeit las?). Die verknüpften Tätigkeiten beim Aufräumen, beim Organisieren, beim Einkaufen. 
Klar war mir, dass ich meine Zeit selbst einteilen und mich z.B. um meine Kinder kümmern konnte, wenn ich es für nützlich hielt. Andererseits waren oft über viele Wochen die Wochenenden voll für Korrekturen eingeplant, und Unterrichtsvorbereitungen mussten zurückstehen, wenn wieder Korrekturen, die Ausarbeitung von Abiturvorschlägen und die Korrektur der Abiturvorschläge meines Fachbereichs anstanden.

Schneeurlaub
Während ich in meiner Anfangszeit ohne weiteres bis in die Nacht korrigieren konnte, kam es später vor, dass ich bei der zweiten Durchsicht einer Korrektur feststellen musste, dass ich bei dem ersten Durchgang nicht nur etwas übersehen, sondern offenbar im Schlaf weiter korrigiert hatte. Das mir bis dahin unbekannte Wort "Schneeurlaub" fand ich einmal in meiner Schrift am Rande einer Schülerarbeit. 
Dabei "hätte ich schwören können", "nicht einmal im Traum" fiele es mir ein, solch ein Wort als "Verbesserung" an den Rand einer Arbeit zu schreiben.
Natürlich wäre niemand auf die Idee gekommen, mir so etwas zu unterstellen; deshalb kam ich auch nicht in die Verlegenheit, es abstreiten zu müssen. 
Die Erfahrung bedeutete aber, dass ich entweder mehr Pausen machen musste oder doppelte Arbeit. In der Praxis lief es natürlich auf ein sowohl als auch hinaus und noch weniger Freizeit. 

Freizeit oder Arbeitszeit?
Die Freizeit einer genauen Berechnung meiner Arbeitszeit zu opfern, mag ich mal geträumt haben, wer weiß? Aber ich habe sie lieber verwendet, neue Unterrichtsideen kennen zu lernen, zu recherchieren und mich mit der Formulierung von Wikipediaartikeln zu meinen Fachgebieten zu befassen, wenn ich feststellte, dass es zu einem Sachgebiet etwas gelernt hatte, was dort noch nicht festgehalten war.
Da habe ich dann eines Abends bis in den Morgen einen wichtigen Wikipediaartikel, dessen Löschung angekündigt war, umformuliert, umgebaut, ergänzt. Mit Sicherheit keine Unterrichtsvorbereitung, aber die Grundlage dafür, dass ich meine Schüler in die Arbeit mit Wikis einführen konnte, als es noch ganz ungebräuchlich war.  (Wenn ich schon gewusst hätte, dass das Lemma viel zu wichtig war, als dass der Artikel vollständig gelöscht worden wäre, hätte mir das viel Arbeit erspart, mich freilich auch wichtige Lernerfahrungen gekostet.

A- B- und C-Zeiten
So viel war sicher: Während Unterrichtsstunden in "schwierigen" Klassen, drohte ich nie, einzuschlafen. Dafür war aber manches Mal am Rest des Tages keine Spannkraft mehr vorhanden, während anregende Stunden die weitere Beschäftigung mit dem Thema zur reinen Freude machten. 
Und mit Sicherheit habe ich - wenn auch im Rückblick viel zu selten - in einer Zeit, wo ich sehr gut arbeitsfähig gewesen wäre, etwas getan, was ich nur um meiner selbst und gar nicht im Hinblick auf Unterricht getan habe. 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich oft über 50 Stunden in der Woche allein auf die Erledigung von schulischen Aufgaben verwendet habe und dass ich bei anderen Gelegenheiten deutlich unter 35 Stunden dafür aufgebracht habe. Aber immer habe ich es für wichtiger gehalten, meinen Pflichten nachzukommen, als zu überprüfen, wie viel Zeit ich dafür verbrauchte. 
Aber ich war schon damals dafür dankbar, dass Kollegen sich an dieser "Quadratur des Kreises" der Bestimmung ihrer Arbeitszeit gemacht haben. 

Nachtrag: Öfters habe ich, wenn ich nachts nicht schlafen konnte, mich an Korrekturen gemacht, bis ich wieder todmüde war. Das war eine positive Erfahrung. Wie die Qualität dieser Korrekturen war, vermag ich im Nachhinein nicht zu beurteilen. 
  
Gestresste Lehrer SZ 5.2.18

Neuerdings zum Thema auch Arbeitszeiterfassung von Halbtagsblog mit den Kommentaren dazu.