15.6.17

Kindesmissbrauch

Es geschieht jeden Tag, jede Nacht ZEIT 13.6.17
"Wollen wir erreichen, dass die Zahl der jährlichen Missbrauchsfälle zurückgeht und Betroffene die erforderliche Unterstützung erhalten, darf es ein einfaches "Weiter so" nicht geben. Ich plädiere dafür, dass Bund und Länder gemeinsam mit mir im Jahr 2018 ein neues Programm für den verstärkten Schutz gegen Kindesmissbrauch aufstellen."

Kommission zur Aufarbeitung: Zwischenbericht 14.6.17
"Kinder haben oft keine oder erst spät Hilfe erfahren, weil Familienangehörige zum Teil lange etwas von dem Missbrauch wussten, sie dennoch nicht davor schützten und handelten.
Insbesondere die Rolle der Mütter steht im Fokus. Mütter treten nach den Erkenntnissen der Kommission auch als Einzeltäterinnen auf, aber vorwiegend als Mitwissende und damit als Unterstützende der Taten. Gründe für das Dulden des Missbrauchs sind u.a. Abhängigkeiten, erlebte Rechtlosigkeit, Ohnmachtserfahrungen und Gewalt in der Partnerschaft, jedoch auch die Angst vor dem Verlust des Partners oder der gesamten Familie sowie bereits eigene vorausgegangene Missbrauchserfahrungen in der Familie. In den wenigsten Fällen haben die Mütter ihren Kindern geglaubt und sie vor weiterem Missbrauch geschützt. Hilfe von außerhalb der Familie erfahren Betroffene selten, weil die Familie, als Privatraum gesehen wird. Aufarbeitung muss sich folglich mit der Wirkung gesellschaftlicher Vorstellungen von Familie sowie der Rolle von Eltern und anderen Angehörigen befassen. Zu klären ist auch, welche Bedeutung das Dilemma zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der Aufgabe des staatlichen Wächteramtes hat." (Hervorhebung von Fonty)

Es reicht nicht, Täter und Mitwisser von Kindesmissbrauch zu verurteilen. Es müssen Strukturen geschaffen werden, wo Kinder Hilfe finden können. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

dazu auch:
Aguas Bravas

Ein Erlebnisbericht

Elisas Not FR 26.4.2010

Bodo Kirchhoff über seine Erfahrung als Missbrauchsopfer

Bis zu 700 Missbrauchsopfer bei Regensburger Domspatzen, SZ 8.1.16 
Tweets zu #Domspatzen


Einstellung zu sexuellem Umgang von Erwachsenen mit Kindern um 1980

Link zu allen Artikeln zu sexuellem Missbrauch an Kindern auf diesem Blog

25.5.17

Brauchen wir einen Literaturkanon?

"Ich finde nicht nur, dass ein Literaturkanon gut ist, weil ich an die tiefe Kraft glaube, die dem Verständnis von Literatur für jeden einzelnen inne liegt, sondern ich bin der Überzeugung,
dass ich besser auswählen kann, was man wissen soll (!) und was nicht. Weil ich über Jahre diese Themen studiert, über sie geschrieben, geredet und gestritten habe."
So formuliert Bob Blume in einem lesenswerten Text über den gegenwärtigen Bildungsdiskurs im Internet.

Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullektüren, Lesebücher.) fragt Herr Rau in seinem Lehrerzimmer.

Lesenswert sind auch die Kommentare dazu.

Zitat aus meinem Kommentar (ein klein wenig stilistisch verbessert):

"Lesebücher halte ich für so wichtig, weil die großartige „Rede des toten Christus“ und die „allmähliche Verfertigung des Gedankens“, die m.E. genauso zum Kanon gehören wie „Der Mond ist aufgegangen“ „Erlkönig“ und „Es war, als …“, sonst der Zufälligkeit des Interesses von einzelnen Deutschlehrern ausgeliefert wären.
Natürlich entsteht ein Kanon nur durch Gebrauch und davon reden, nicht durch Vorschriften.
Zum Glück gibt es noch Schulnamen, so dass wenigstens an diesen Schulen das eine oder andere Werk des Schulnamensdichters (in Ausschnitten) bekannt wird. – Mir unvergesslich, wie bei einer Lesung des lyrischen und dramatischen Werks eines nicht unbekannten Dichters (irgendetwas zwischen 48 und 90 Stunden) eine Sechstklässlerin als einzige das Metrum des „Reineke Fuchs“ deutlich zu Gehör brachte (Erwachsene scheiterten daran). Natürlich gehört „Reineke Fuchs“ nicht zum Kanon; aber dass dieser Dichter nicht nur im zweiten Teil seines dem Namen nach bekanntesten Werkes mit dem jambischen Trimeter antike Versmaße verwendete, das sollte … " (Da es Suchmaschinen gibt, lasse ich zunächst die zugehörigen Links fort.)

Auf jeden Fall ist der Artikel von Herrn Rau sehr lesenswert und für die meisten Leser dürfte auch das, was dort gesagt ist, ausreichen, um sich eine gut begründete Meinung zu bilden. Mich drängt es aber dazu, am Beispiel von Shakespeare und J.S. Bach auf die Geschichte der Kanonbildung einzugehen. 
Die Formulierung eines Kanons bedeutet immer ein Werturteil, und Werturteile bewähren sich nur im kritischen Diskurs (hier brauche ich ein Link, um anzudeuten, dass es um mehr als nur eine Unterhaltung geht). 
Shakespeare und J.S. Bach waren zu ihrer Zeit Mode. Dass sie aber heute weltweit zu den bedeutendsten Vertretern ihrer Kunst gezählt werden, hat sich erst durch einen Diskurs Generationen nach ihrem Tod herausgebildet. 
Lessing hat den zu seiner Zeit in Deutschland gültigen literarischen Kanon in seinem 17. Literaturbrief mit einem klaren "Ich bin dieser Niemand" in Frage gestellt und - letztendlich sehr erfolgreich - Shakespeare als Gegenbild herausgestellt. Die Weimarer Klassik ist ohne die Hinwendung zum Vorbild Shakespeare nicht denkbar (so sehr sie sich auch von ihm weg entwickelt hat).
J.S. Bach war durch seinen Sohn Carl Philipp Emanuel wegen dessen Epoche machenden Neuerungen, die die Wiener Klassik vorbereiteten, in den Schatten gestellt worden. Es bedurfte des J.S. Bach Revivals des 19. Jahrhunderts, um für das 20. und 21. Jahrhundert weltweit deutlich zu machen, dass Bach durch seinen Sohn nur abgelöst, nicht übertroffen worden war. 
Was wäre von Georg Büchner noch überliefert, wenn er nicht für den literarischen Kanon entdeckt worden wäre? [dazu sieh Ph. Wampflers Gegenkanon*]

Nicht zufällig habe ich Shakespeare und J.S. Bach als Beispiele für die Bedeutung der Kanonbildung herausgestellt; denn für diese beiden gilt - zumindest meiner Ansicht nach -, dass sie nicht "Zwerge auf den Schultern von Riesen" waren (so sehr sie auf der Überlieferung und den hervorragenden Werken ihrer Zeit aufbauten). Sie waren selber Riesen, und uns wäre Entscheidendes verloren gegangen, wenn wir nur die (großartigen, unsterblichen und was man sonst zum Lob der Künstler nach diesen beiden anführen mag) Werke, die auf sie folgten, angewiesen wären. 


So viel schon habe ich geschrieben und noch nichts dazu gesagt, weshalb man die  Rede des toten Christus“ und die „allmähliche Verfertigung des Gedankens ...“ kennen sollte, obwohl sie beide nicht von Shakespeare oder einem der deutschen Klassiker stammen.

Vorerst schreibe ich auch noch nichts dazu, sondern wende mich meinem Tagewerk zu, nicht ohne ein kleines Gedicht anzuführen:
                                           „Schläft ein Lied in allen Dingen,
                                            Die da träumen fort und fort,
                                            Und die Welt hebt an zu singen,
                                            Triffst du nur das Zauberwort.“
Auch das verdient meiner Meinung nach, dem literarischen Kanon anzugehören. Und dazu braucht es meiner Meinung nach Lesebücher oder einen elektronischen Ersatz dafür. 
(Mehr zu Lesebüchern hier.)

Ergänzung am 24.5.:
Immer wieder gibt es Versuche, eine Kanonbildung zu unterstützen. Die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher (und die Folgeaktivitäten) gehörten dazu, Marcel Reich-Ranickis Kanon, auch Die Lieblingsgedichte der Deutschen.  Außerdem  der ZEIT-Schülerbibliotheks-Kanon (und daraus z.B.  Georg Büchner: Lenz, Leonce und Lena, Dantons Tod, Friedrich Dürrenmatt: Besuch der alten DameJurek Becker: Jakob der LügnerGeorg Christoph Lichtenberg: Aphorismen, Hermann Bote: Till Eulenspiegel).
Die Beteiligung an der Umfrage zum Lyrikprojekt und die Auflagen der beiden erstgenannten zeugen von einem Interesse an einem Kanon und davon, dass er nicht staatlich verordnet sein muss, um wirksam zu werden.
Auch Lektürelisten von Universitäten oder Deutschlehrern (Beispiel von 1960 für eine 9. Klasse) helfen dabei.

Mehr zu der Bildung eines literarischen Kanons:
Hermann Korte: Grundzüge der Literaturdidaktik (ein Hinweis von Ph. Wampfler)
Philippe Wampflers Gegenkanon
*Büchner war als Schüler an der Bildung eines Gegenkanons beteiligt, wenn er mit seinen Freunden über Goethe und Schiller sprach statt über Homer und Horaz, wie seine Lehrer es von ihnen erwarteten. 

Dieser Text wurde auf Fontanefans Schnipsel entworfen.

Texte, die m.E. zu Unrecht in Vergessenheit zu geraten drohen:
Über das Marionettentheater
Campagne in Frankreich 1792

19.5.17

Lehrer - Ist es wirklich so schlimm?

"Der Job frisst einen einfach auf" ZEIT online 18.5.2017

"Der Dokumentarfilm "Zwischen den Stühlen" hat drei junge Lehrer ein Jahr lang begleitet. Katja Wolf war eine von ihnen, sie dachte ans Aufhören – das tut sie noch immer. [...]
Ich bin nur zu einem Drittel Lehrerin. Ein Drittel ist noch Psychologin oder Sozialarbeiterin sowohl für die Eltern als auch für die Kinder, und der Rest geht für Büroarbeit drauf. Ich bin zwar sechs Stunden in der Klasse, aber was ich nebenbei mache, ist so viel, dass ich eigentlich zu wenig Zeit mit dem Lehren verbringe. Der Verwaltungsaufwand ist extrem hoch. Man muss Anträge schreiben, viel hinterher telefonieren, Statistiken erstellen, für all diese Sachen im Hintergrund muss ich zusätzlich Zeit opfern, die dann an der Arbeit mit den Kindern fehlt. Und wenn man versucht, alles unter einen Hut zu bekommen, hat man entweder zehn- bis zwölf-Stunden-Tage oder arbeitet am Wochenende durch. Dauerhaft kann das keiner."

16.5.17

#EDchatDE No 172 School and business: Opponents or partners?


  1. School and business: Opponents or partners?
  2. Neither nor!

  3. Sie können sich ergänzen u auf gemeinsame Ziele hinarbeiten
darf nicht für eine arbeiten. Die der Verlage sei: : Hilfsmittel fürs Lernen bereitzustellen.
: können gleiche Ziele haben wie , haben aber parallel auch andere.
Gefährlich sind die falschen Freunde der : als Instrument des

5.5.17

G8 oder G9 macht keinen Unterschied, aber die Umstellung einen großen Aufwand

Neue Expertise zeigt: G8 oder G9 macht keinen Unterschied bildungsklick 4.5. 2017

"Zentrale Erkenntnis der Expertise von Prof. Dr. Olaf Köller vom Leipniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel ist, dass die G8-Reform keine negativen Folgen hat. Zwischen G8- und G9-Abiturienten lassen sich keine Unterschiede in der fachlichen Leistung nachweisen."

Laut ZEIT 19/2017 im Teil Chancen sieht sich  Prof. Köller aufgrund dieser Studie zu dem Urteil berechtigt: "[...] Politiker und Eltern, die wieder G9 wollen, verhalten sich genauso postfaktisch [wie Trump]".

Es bleibt sein Geheimnis, wie man sich postfaktisch verhalten kann. Aber für Beschimpfungen scheint sich das Wort zu eignen. 
Ein Wissenschaftler, der auf sich hält, sollte auf einem anderen Niveau argumentieren, finde ich.

Hier kann man sich seine Studie genauer ansehen:
https://www.stiftung-mercator.de/de/publikation/verkuerzung-der-gymnasialzeit-in-deutschland/

Auch Alexander Stracke sieht G9 und G8 als gleichwertig an, ist aber weit entfernt davon, Befürworter der Rückkehr zu G9 als sich "postfaktisch" verhaltend zu bezeichnen. Allerdings hat er zwei wichtige Beobachtungen gemacht:
1)
 "Die Umstellung war jeweils mit erheblichem Aufwand verbunden. Es gab neue Schulbücher, und die Curricula mussten zweimal verändert werden, sodass der Stoff statt in neun in acht beziehungsweise wieder in neun Jahren vermittelt werden konnte. Ich weiß von vielen Kollegen, dass sie dieses Hin und Her genervt hat."
2)
"Mit G8 wurde die 10. Klasse zum Vorbereitungsjahr. Wer von der Realschule zu uns wechselte, musste deshalb die 10. Klasse wiederholen, aber die war stofflich nicht so entlastet wie vorher die Elfte. Der Wechsel fiel damit vielen Realschülern schwerer. Viele haben sich ganz dagegen entschieden. Nach meiner Erfahrung war das Schulsystem mit G8 nicht so durchlässig wie vorher."

An meiner ehemaligen (ich bin pensioniert) lief das mit den Umstellungen wie folgt:

Als uns G8 als Schulversuch angeboten wurde, hat das Kollegium es abgelehnt.      
Die unterschiedlichen Begründungen fasse ich zusammen mit: "Es muss im Leben mehr als Schule geben." (Ein Gedanke, den G8-Schüler, die im Bewusstsein eines gewonnenen Jahrs eine Art Sabbatjahr einlegen, offenbar ebenfalls hegen.)

Als G8 verpflichtend eingeführt wurde, wurde argumentiert: Wir wählen den späteren der beiden möglichen Termine, damit wir von den Erfahrungen anderer profitieren und Schulbücher, von denen man beim Übergang von G9 zu G8 für einen Jahrgang jeweils doppelte Klassensätze brauchte, von einer Schule, die das schon hinter sich hat, übernehmen zu können. 

Als Schulen dann zu G9 zurückkehren konnten, entschied sich das Kollegium dagegen, weil man den Aufwand einer neuerlichen Umstellung vermeiden wollte. Das fiel umso leichter, weil Schule in unmittelbarer Nachbarschaft sich für G9 entschieden und so Wahlfreiheit für die Schüler und ein problemloserer Übergang für Realschüler gesichert war.

Angesichts der weitgehenden Gleichwertigkeit von G8 und G9 scheint mir das ein sehr rationales Vorgehen zu sein, denn für die lokale Schullandschaft verbindet es die Vorteile beider Systeme und für die eigene Schule bleiben Energien frei für Schulverbesserung. Die Entscheidung anderer Schulen zu G9 zurückzukehren, halte ich deshalb aber in keiner Weise für "postfaktisch".

Wo ein Fehler gemacht wurde, das war eindeutig da, als man den flächendeckenden Übergang zu G8 vollzog, ohne die Auswirkungen davon vorher zureichend zu untersuchen. 
Dass man die Schuld für diesen Fehler jetzt den Eltern zuschieben will, die mit den Folgen leben mussten, möchte ich als wenig hilfreich bezeichnen, auch wenn ich es gefühlsmäßig als empörend wahrnehme. 
Wissenschaft sollte rationale Entscheidungen ermöglichen und nicht dazu dienen, Fehlentscheidungen zu rechtfertigen. 

2.5.17

Realitätsverleugnung

Dass Wissenschaft nicht endgültige Wahrheiten erschließen kann, sondern immer nur vorläufiges Wissen produziert, das erfolgreiches Handeln begünstigt und die Früherkennung von Fehlentwicklungen ermöglicht, gehört schon seit Jahrzehnten zur Schulweisheit.
Deshalb ist es bedauerlich, dass bei der Kampagne gegen Trumps Abwertung und finanzielle Strangulierung von Wissenschaft immer wieder ein falscher Zungenschlag aufkommt, als könnte Wissenschaft unbezweifelbare "Fakten" feststellen. (mehr dazu in Fontanefans Schnipsel)

Dabei hat schon Shakespeare solche Wissenschaftsgläubigkeit gegeißelt.*
Und in neuerer Zeit haben Philosophen von so unterschiedlicher Couleur wie Popper und Habermas beide sehr deutlich gemacht, dass Wissenschaft als Religionsersatz völlig ungeeignet ist.

Umso ärgerlicher ist es, dass die seriöse Presse und selbst Wissenschaftler, die es besser wissen, vom "postfaktischen Zeitalter" reden, als gäbe es so etwas wie unbezweifelbare Fakten und Wissenschaft hätte aufgehört, sich durch ständiges Infragestellen des herkömmlichen Wissens weiter zu entwickeln.

Trumps Fehler ist nicht, dass er nicht an unbezweifelbare Wissenschaftsresultate glaubt. Wissenschaftsgläubigkeit ist gefährlich. Sein Fehler ist, dass er - nur scheinbar? - meint, dass er Warnungen vor Fehlentwicklungen ungestraft außer Acht lassen könnte. Und politisch gefährlich wird er daduch, dass er seinen Anhängern - noch immer ziemlich erfolgreich - vorzugaukeln versucht, sie brauchten wirtschaftliche und politische Zusammenhänge nur zu leugnen, damit sie bedeutungslos würden.

Was nutzt es, wenn man vor Trugbildern warnt und dann nur andere an ihre Stelle setzt?

Man muss aufzeigen, dass Trumps Politik der großen Mehrheit der Bevölkerung und besonders seinen Wählern schadet. Wenn man damit wartet, bis es für alle offen zutage liegt, dürfte es zu spät dafür sein, ihre Folgen einzudämmen. Das Beispiel Bush junior und das Chaos im Nahen Osten, das er mit seinen Interventionen angerichtet hat, sollte uns Lehre genug sein. 

*There are more things in heaven and earth, Horatio,


Than are dreamt of in your philosophy. (Akt I, Szene 5)

(auf Deutsch korrekt zitiert:
Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden,
Als eure Schulweisheit sich träumen lässt, Horatio)

Zur Ergänzung dieses Artikels möchte ich auf die Diskussion dieses Themas auf dem fr-blog verweisen, in deren Einleitung es heißt:
"Von der Wissenschaft darf man keine „ewigen Wahrheiten“ erwarten. Wissenschaft ist das Ringen um Erkenntnis. Wissenschaftlicher Fortschritt passiert sogar im Grunde ausgerechnet immer dann, wenn eine Theorie als widerlegt betrachtet und zu den Akten gelegt werden muss, denn dann muss ein neuer Lösungsansatz her. Man kann wissenschaftlichen Fortschritt als eine Evolution von Ideen betrachten."
Und in der Henning Flessner am 25.4. 'sagte':
"Wenn man das Wort Fakten googelt und nach einem Wikipedia-Eintrag sucht, wird man auf den Begriff Tatsachen umgeleitet. Es gibt bei Tatsachen zwei Unterkapitel: 1. Rechtswissenschaft und 2. Philosophie und Theologie. Ein Unterkapitel Naturwissenschaft gibt es nicht.
Durch die Klimaforschung hat eine wahrscheinlich bisher einmalige Politisierung der Naturwissenschaft stattgefunden. Plötzlich ist in der Naturwissenschaft von Fakten, bei denen implizit immer mitschwingt, dass sie beweisbar sind und Wahrheiten die Rede. Man kann aber und will in der Naturwissenschaft auch gar nichts beweisen. Die Naturwissenschaft entwickelt Theorien zur Beschreibung der Phänomene mit dem Ziel der Vorhersagbarkeit." (Hervorhebung von Fontanefan - Herrn Raus Kommentar verdanke ich es, dass ich in der Diskussion noch etwas weiter nachgelesen habe, so dass ich hier anführen kann, was ich selbst nicht so klar hätte formulieren können.)

Am 26.4. formuliert Flessner:
"Die Relativitätstheorie hat sich in der Beschreibung der Phänomene tadellos bewährt, genau wie die Quantentheorie. Dummerweise können nicht beide richtig sein. Aber sie sind beide extrem gut brauchbar und das ist das Entscheidende."
Es lohnt sich, diese Diskussion noch weiter zu verfolgen. Freilich geht es dabei auch um manche Feinheiten, die man nicht unbedingt dauerhaft parat zu haben braucht. 

30.4.17

Wie ich Gefallen an einem Krimi der Tatortserie fand

Dass immer das Böse im Menschen thematisiert wird und verwendet wird, um psychologische Studien, der Schilderung von originellen Charakteren und attraktiven Orten durch Sensationelles aufzuwerten, spannender zu machen, gefällt mir nicht.
Rätselhaftes, Geheimnisvolles, Aufregendes gibt es doch auch, ohne dass immer einer Person das Kainsmal des Mordes aufgedrückt werden muss.
Doch nun sah ich einen Tatortkrimi, der sich von diesem Aufgeputschten, Aufgepufften distanzierte.
Immer wo Gesten, Mimik und Schnitte besonders bedeutungsgeladen daher kamen, wurden sie von einem Erzähler ironisiert, der durch Doppelung des Bedeutungselements ein entfremdendes Element beisteuerte. In kurzen, knappen, nur das Äußerliche schildernden Kommentaren wurde eine zweite Ebene geschaffen. Leicht irritierend war schon, wenn das, was gezeigt wurde, noch einmal mit Worten beschrieben wurde. Besonders wirkungsvoll aber war die Verfremdung dann, wenn - wie in einer Regieanweisung - zuerst Mimik und Gestik beschrieben wurden, bevor der Schauspieler sie nachspielte und das so rasch, dass verblüffte, wie perfekt er in Sekundenschnelle genau den Ausdruck annehmen konnte, der angekündigt worden war.
Dadurch wurden auch alle Effekthascherei durch übertriebenen Ausdruck, durch handlungstrennende Schnitte und durch unwahrscheinliche Handlungskonstruktion als künstlich und aufgesetzt entlarvt. - Dies Stilmittel machte zu Kunst, was gewollt, aber nicht erreicht hätte scheinen können.
Endlich ein Tatort, den ich mir ansehen konnte, ohne mich zu ärgern!

Als ich am nächsten Tag nach den Nachrichten wieder in einen Krimi geriet, fand ich zu einem Erstaunen dasselbe Stilmittel wieder vor. Und haargenau in der gleichen Weise eingesetzt.
Ein Stilmittel, das ich zuvor noch nie in einem Krimi wahrgenommen hatte, an zwei aufeinander folgenden Tagen? Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen.

Da hatte ich plötzlich das Gefühl eines Déja-vu-Erlebnisses. Ich hatte etwas Ähnliches doch vor vielen Jahren schon einmal gesehen: Das war in einem Spielfilm für Blinde.