1.10.16

Berlin, Merkel, Gauck und ihr Beitrag zur budesdeutschen Identität,

Bei einem Prozess kommen Richter, Staatsanwalt und Verteidiger aus derselben Region, der Angeklagte aus einer anderen. Ganz normal für einen Touristen, einen Migranten und einen Zugezogenen. Ungewöhnlich, wenn der Prozess in der Region des Angeklagten stattfindet.

Im Deutschland der 1990er Jahre war es nicht so ungewöhnlich. Die Spezialisten kamen aus dem Westen, die Laien aus dem Osten. Jedenfalls im Osten.
"Einer Studie zum Mauerfall der Universität Leipzig zufolge stammen bald 27 Jahre nach dem Mauerfall lediglich 20 Prozent der Führungskräfte in Ostdeutschland auch von dort." ("Vom gemeinen Volk und den Eliten" von Markus Decker, FR  30.9.16, S.20/21)

Gegenwärtig gibt es keine Netto-Abwanderung von Ost nach West mehr.
Weshalb?
Berlin liegt in Ostdeutschland und weltweit gibt es eine Landflucht.

Weshalb habe ich Merkel und Gauck genannt?

"Die von 1989 adaptierte Parole: 'Wir sind das Volk' ließe sich [...] übersetzen mit: 'Wir sind das Ost-Volk - und ihr seid die West-Eliten.' " (Markus Decker, FR  30.9.16)
Wenigstens für Merkel und Gauck gilt das nicht (oder zumindest nur insofern, als sie sich bemerkenswert schnell im Westen integriert haben).

"Wer die ersten 28 Jahre seines Lebens im Westen verbracht hat, ist 'Wessi' lebenslang." (Markus Decker). - Was für ein Licht wirft diese Aussage auf die Chancen der Integration von Flüchtlingen in Deutschland? In Westdeutschland und in Ostdeutschland?

Es gibt in Deutschland zwei Parteien, die ihren Rückhalt in besonders starken Maße in Ostdeutschland haben: die Linke und die AfD.
Ist das eine "Querfront" oder die Folge einer unvollständigen Integration?

So weit meine Gedanken zu Markus Deckers Bilanz zum Tag der deutschen Einheit.

Übrigens: Es gibt in Deutschland noch eine Partei, die ihren Rückhalt besonders in einer bestimmten Region Deutschlands hat. Was ist davon zu halten?
Aber das ist alles doch umgekehrt. Alles? Stichwort "Obergrenze".

(Dieser Blogbeitrag erschien zuerst in Fontanefans Schnipsel und wurde nur unwesentlich verbessert.)

29.9.16

Wolfgang Reinhard : Die Unterwerfung der Welt

Wolfgang Reinhard : Die Unterwerfung der WeltC.H. Beck, München 2016 1648 S., rezensiert von Andreas Eckert, ZEIT online 19. Mai 2016, 20/2016
"Wolfgang Reinhards Opus führt von den frühen Anfängen der europäischen Expansion in Antike und Mittelalter bis zu den Dekolonisationen des 20. Jahrhunderts, ergänzt durch einen kurzen Blick auf die Gegenwart."
"Das Buch veranschaulicht, dass die Geschichte der europäischen Expansion keineswegs ein gradliniger, unaufhaltsam voranschreitender Prozess war. Die Errichtung kolonialer Herrschaft war langwierig, und im Geflecht aus Konkurrenzen standen nicht selten Europäer gegen Europäer und Einheimische gegen Einheimische. Missionare und Kolonialbeamte etwa stritten regelmäßig über die richtige Art, die Kolonisierten zu erziehen.
Gewalt spielte stets eine wichtige Rolle, häufig freilich nicht als Ausdruck der unwiderstehlichen Überlegenheit der Europäer, sondern als Zeichen ihrer Schwäche. Zahlenmäßig weit unterlegen und mit wenigen Ressourcen ausgestattet, erschienen Massaker und öffentliche Hinrichtungen den Europäern gerade zu Beginn der Kolonisierung als geeignete Mittel, ihren Machtanspruch zu demonstrieren."
Der Islamische Staat brauchte gewiss nicht dieses europäische Vorbild, um zu seinen Methoden zu kommen. Dafür gibt es genügend ähnliche Beispiele in der Geschichte. Aber "Massaker und öffentliche Hinrichtungen [...] als geeignete Mittel, [...] Machtanspruch zu demonstrieren." Das ist eine exakte Beschreibung des Vorgehens des Islamischen Staats.
"Die Europäer mussten die Erfahrung machen, dass gerade die Absolventen höherer Schulen und Universitäten – etwa die Politiker Jawaharlal Nehru in Indien, Kwame Nkrumah in Ghana und Julius Nyerere in Tansania – zu den entschlossensten Kämpfern für ein Ende der Kolonialherrschaft wurden."
"Diese europäische Expansion veränderte die Welt – und mit ihr Europa. [...] "Heute ringt die Welt im Zeichen der Globalität", resümiert Reinhard, "noch immer im Guten wie im Bösen auf allen Feldern mit der Hinterlassenschaft der europäischen Expansion." Auch die aktuelle Frage nach der Verantwortung für die Fluchtursachen ist ein Grund, diese Hinterlassenschaft neu zu diskutieren."
Mein Interesse an dieser Arbeit ist außer dem allgemeinen historischen ein doppeltes: 
Zum einen beschäftigt mich das Thema Flüchtlinge und Flucht.
Zum anderen habe ich mich länger mit Jürgen Osterhammels: Die Verwandlung der Welt, einer Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts, befasst, die mit Reinhards Unterwerfung der Welt nicht nur Parallelen in der Formulierung des Titels, den Verlag und eine Seitenzahl um die 1600, sondern auch eine Darstellung des europäischen Beitrags zur Globalisierung gemeinsam hat. 

12.9.16

Wie gelingt Schulentwicklung?

Sabine Gryczke von der Gustav-Falke-Schule in Berlin Wedding, die in wenigen Jahren von einer Problemschule zur Erfolgsschule geworden ist,  hat dazu eine Vorstellung:

"'Die Schulen müssten die Möglichkeit bekommen, sich aus ihrer Lage zu befreien.' Sie wünscht sich Freiheiten wie die, die sich ihre Schule genommen hat: Raum für kreative und auch unkonventionelle Ideen."
(mehr dazu in Petra Ahnes Artikel Gustav-Falke-Schule in Gesundbrunnen - Von der Problemschule zum Erfolgsmodell, Berliner Zeitung 3.9.2016)

Natürlich braucht man dafür auch die richtigen Lehrer. Aber es reicht auch eine kritische Masse solcher Lehrer. Ich selbst habe mich an meiner Schule gegen die Entscheidung, eine Reformschule zu werden, ausgesprochen, obwohl ich an sich für die Veränderung war. Weshalb war ich dann dagegen? Weil ich glaubte, dass die Veränderung von einer breiten Mehrheit getragen werden müsse. Die Abstimmung brachte aber nur eine hauchdünne Mehrheit.
Binnen drei Jahren war ich glänzend widerlegt. Eine überwältigende Mehrheit unterstützte die Reform. Warum? Zum einen wurden zweifelnde Lehrer vom Elan der anderen mitgerissen.Zum anderen kamen viele engagierte Lehrer an unsere Schule, die das Reformkonzept überzeugte.

Schulentwicklung brauchen wir freilich nicht nur in Einzelfällen. Angesichts der Tatsache, dass jedes dritte Schulkind in der BRD einen Migrationshintergrund hat und wir nicht erst seit dem Flüchtlingsschub 2015 zum Einwanderungsland geworden sind, brauchen alle Schulen Interkulturelle Fortbildung.

Mehr dazu: Interkulturelle Fortbildung an Schulen (Mein Dank gilt Hauptschulblues für den Tipp.)

7.9.16

Lehrer und die Einwanderungsgesellschaft: Überfordert und alleingelassen

Lehrer und die Einwanderungsgesellschaft: Überfordert und alleingelassen Spiegel online 6.9.16

Verkürzt gesagt heißt es in dem Artikel, die Lehrer seien mit der der Erwartung, "die gestiegene Zahl junger Flüchtlinge und förderungsbedürftiger Kinder und Jugendlicher individuell" zu unterstützen überfordert, weil sie nicht genügend dafür ausgebildet seien und weil die Ausbildung, die es gebe, oft den notwendigen Standard nicht erreiche.
Dem könnte ich recht geben, wenn nicht darin impliziert wäre, dass es eine Ausbildung gäbe, die die Lehrer zureichend für diese Aufgabe qualifizieren könnte. 
An diese implizite Voraussetzung glaube ich leider nicht. 
Ich habe jahrzehntelang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, nicht selten auch Schülern mit multikulturellem Hintergrund, ich habe auch immer wieder (nicht ständig) Freude daran gehabt. Den Anforderungen, die in der gegenwärtigen Situation gestellt werden, könnte ich aber nicht gerecht werden.
Ich zweifle überhaupt nicht daran, dass man diesen Anforderungen gerecht werden kann, aber das wird nur Ausnahmetalenten oder hervorragend aufeinander eingespielten Lehrerteams gelingen. Ausbildung allein kann das nicht erreichen. Dafür sind die Anforderungen an Inklusion, Vergleichsarbeiten, bürokratische Nebentätigkeiten usw. zu hoch.

Das ist kein stichhaltiges Argument, schon gar nicht ist es eine empirisch belegte Aussage. Es ist die gefühlsmäßige Reaktion eines pensionierten Lehrers, der sich jahrzehntelang darum bemüht hat, Flüchtlingen bei der Integration zu helfen, und der froh ist, nicht mehr die Anforderungen erfüllen zu müssen, die Wissenschaftler glauben, an Lehrer und ihre Ausbilder stellen zu dürfen. 

Ich will aber keinesfalls schließen, ohne auf das ZUM-Wiki für  für den Deutschunterricht mit Flüchtlingen hinzuweisen und auf die hervorragende Arbeit, die Ralf Kloetzke und Karl Kirst dort geleistet haben. 

Zusatz:
Ich nehme hier den Kommentar von Hauptschulblues auf: 
Schulentwicklung ist die Lösung.
Für das ganze Kollegium plus Kooperationspartner, Eltern und Schüler.
http://hauptschulblues.blogspot.de/2016/09/interkulturelle-fortbildung-schulen.html


Außerdem verweise ich auf folgende Initiativen:
und überhaupt auf alle Projekte, die im ZUM-Wiki unter "Hilfen für die Intergration" angeführt werden.

Etwas von dem Geist dieser Projekte wünscht man jeder Schule, nicht nur in Sachen Flüchtlingsintegration. Er ist aber durch Ausbildung allein nicht zu schaffen. Dazu braucht es das richtige soziale Umfeld, zumindest in der Schule, am besten lokal und national. 
Merkels "Wir schaffen das" hat das nationale Umfeld gegenüber den Jahren, als ich angefangen habe, mit Asylbewerbern zu arbeiten und den Jahren 2012/13, als die hier angeführten Projekte entstanden, enorm verbessert.
Leider haben sie auch die Gegenbewegung von Pegida und AfD zu ihrer extremen Flüchtlingsabwehr motiviert, weil das staatliche Handeln kein Äquivalent zu dem ehrenamtlichen Einsatz der "Willkommenskultur" entwickelte (entwickeln konnte?).

Mein Eindruck ist, dass eine weit größere Zahl von Menschen hinter dem steht, was man - nicht ganz treffend - Willkommenskultur genannt hat, als hinter der extremen Flüchtlingsabwehr. Natürlich überwiegt bei einem Großteil der Bevölkerung die Skepsis. Sie kann nur durch realistische Problemdarstellung und sachangemessenes Handeln überwunden werden.

2.9.16

Nicht nur TTIP, sondern schon CETA ist mit dem Rechtsstaat nicht zu vereinbaren

"Der große öffentliche Protest hat bewirkt, dass der ursprüngliche Vertrag nachverhandelt und verbessert wurde. Der stark kritisierte Investitionsschutz wurde dabei reformiert, die Rechtsstandards verbessert. Sonderrechte für ausländische Investoren treten den Rechtsstaat aber weiter mit Füßen. Während ausländische Konzerne vor dem internationalen Schiedsgericht klagen können, ist dieser Rechtsweg heimischen Firmen, Gewerkschaften oder Umweltverbänden verbaut. Diese Diskriminierung ist durch nichts zu rechtfertigen." (Nochmals verhandeln. Verbesserungen bei Ceta reichen noch nicht aus, von DIERK HIRSCHEL, FR 25.8.16)

Dazu auch:


Gegenwärtig ist CETA die gefährlichste politische Weichenstellung, die es zu vermeiden gibt, denn sie würde ein entschlossenes Umsteuern zur Verhinderung einer Klimakatastrophe verhindern. 

Das ändert nichts daran, dass die Integration der Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind und zu uns kommen werden, aktuell den höchsten Einsatz von Ressourcen erfordern (was die Steuersenkungspläne außer Acht lassen). 
Die weltpolitisch umfassendste Aufgabe bleibt aber die Erhaltung der Bewohnbarkeit der Erde. Es geht darum, zu verhindern, dass so große Räume unbewohnbar werden, dass auch die großzügigste Flüchtlingspolitik nicht mehr genügend Ausweichsräume erhalten und bereitstellen kann. 
Die Politik darf sich nicht die Hände binden, die sie zur Gefahrenabwehr braucht.

20.8.16

In eigener Sache

Mir fällt auf, dass ich zwar ständig blogge, dass aber auf diesem Blog nur relativ selten neue Artikel erscheinen. Das hängt damit zusammen, dass ich mit Fontanefans Schnipsel einen Blog aufgemacht habe, der für alle Arten von Notizen gedacht ist, und dass ich auf diesem Blog vor allem pädagogische Themen und andere Themen nur bei einer zumindest mittelfristigen Aktualität behandeln will. (Dass ich mir für Artikel auf diesem Blog auch etwas mehr Zeit nehme als für andere, kommt hinzu.)
Wer auf diese Seite kommt und wie ich beim Briefkasten ungeduldig feststellen muss "Wieder keine (neue) Post!" den vertröste ich hiermit mit den auf der rechten Spalte angeführten Blogs. Da finde ich immer wieder Artikel, die mir besser gefallen als meine.
Und das wird anderen Leuten als mir noch weit häufiger so gehen.

29.7.16

Ohne Streitkultur kommt Demokratie nicht aus

Worauf beziehe ich mich?

Sarah Wagenknecht hat noch einmal formuliert, was alle Organisationen von Anfang an kritisiert haben, die die Festung Europa für menschenrechtswidrig hielten. Nämlich, dass Merkels verspätete Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, unvorbereitet war. Der lange überfällige Schritt wurde nicht von den notwendigen organisatorischen Maßnahmen begleitet. Das - vorbildliche - ehrenamtliche Engagement kann den Mangel an Mitarbeitern bei der Identifizierung der Geflüchteten und an Lehrern für den an Zertifikaten orientierten Sprachunterricht nicht ausgleichen, wie nicht zuletzt Lageso gezeigt hat. So kann angesichts der stark ansteigenden Zahlen die Integration der Geflüchteten nicht schnell genug vorangetrieben werden.

Daraufhin schrieb Spiegel online:
Aktuell führen nicht nur Verschwörungstheoretiker und Rassisten Flüchtlinge als direkte Ursache für tödliche Gewalt an. Tatsächlich greift der politische Mainstream ähnliche Ansichten auf. So sagte Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht am Montag: "Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Aufnahme und Integration einer großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern mit erheblichen Problemen verbunden und schwieriger ist, als Merkels leichtfertiges 'Wir schaffen das' uns im letzten Herbst einreden wollte." [Hervorhebungen von mir]
Was mit erheblichen Problemen verbunden ist, mag zu allerlei Fehlschlägen führen, kann aber nur in einem extremen Ausnahmefall "direkte Ursache für tödliche Gewalt" sein. Und dass Sahra Wagenknecht dem "politischen Mainstream" angehöre, kann nur behaupten, wer nicht weiß, was Mainstream bedeutet, oder wer auf Kosten der Genauigkeit originell formulieren will. Wagenknecht ist so wenig Mainstream, dass sie selbst von ihrer eigenen Partei immer wieder abweicht. Das zeigen auch in diesem Fall die Reaktionen ihrer Parteigenossen.

Jetzt hat Sahra Wagenknecht sich auf Facebook noch einmal gemeldet: 
"Meine gestrige Stellungnahme zum Selbstmordattentat in Ansbach hat, wie die Kommentare zeigen, offenbar zu Missverständnissen geführt. Es ging mir weder darum, die Aufnahme von Flüchtlingen zu kritisieren noch alle in Deutschland lebenden Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Das habe ich weder gesagt noch gemeint. Im Gegenteil, ich habe schließlich nur einen Tag zuvor im ZDF Sommerinterview unmissverständlich gesagt, dass das Asylrecht verteidigt werden muss und es keine Obergrenzen geben kann. Rassistische Parolen und pauschale Verdächtigungen von Schutzsuchenden habe ich immer wieder mit aller Deutlichkeit kritisiert. Es ging mir darum deutlich zu machen, dass die Integration einer derart großen Zahl von Menschen eine der größten Herausforderungen der letzten Jahre ist und um die Kritik an Merkel, die im letzten Herbst zwar ihr "Wir schaffen das" fleißig gepredigt, bis heute aber unterlassen hat, die notwendigen sozialen und politischen Voraussetzungen zu schaffen, die gebraucht werden, damit Integration gelingen kann. Der Staat, seine Kommunen, sein Sozialwesen, seine Frühwarnsysteme wie die Soziale Arbeit, die Bildungseinrichtungen, die Verwaltung vor Ort, der soziale Wohnungsbau und auch die Polizei: das alles wurde in den zurückliegenden Jahren weggespart und abgebaut. Und auch seit letzten Herbst ist ausgesprochen wenig geschehen, diese Fehlentwicklungen zu korrigieren. Ich war davon ausgegangen, dass man nicht in jeder Stellungnahme alles noch einmal sagen muss, aber offenbar hat das zu den Fehlinterpretationen geführt. Deshalb möchte ich das hiermit ausdrücklich richtig stellen."

Spiegel online (SPON) schreibt dazu am 26.7.: 
"Per Facebook-Eintrag wollte Sahra Wagenknecht die Debatte um ihre umstrittenen Aussagen zur Flüchtlingspolitik noch irgendwie einfangen. Sie habe das alles nicht so gemeint, schrieb sie am Dienstag, natürlich sei sie nicht gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, und sie wolle auch keinen Generalverdacht. Doch da war es schon zu spät."

Es wird höchste Zeit, dass die sich als seriös verstehenden Medien vom Stil des Aufbauschens und Skandalisierens von Boulevard und sozialen Medien entfernen und zur angemessenen Gelassenheit und Differenzierung zurückkehren. Das ist besonders jetzt wichtig, wo die Versuchung groß ist, die Serien von Gewalttaten, die jetzt in Deutschland aufgetreten ist, alle in denselben Kontext zu stellen (was Wagenknecht freilich auch nicht vermieden hat).

Vorbildlich erscheint mir in diesem Kontext der Leitartikel zu dem Amoklauf in München von Daniela Vates in der Frankfurter Rundschau vom 26.7.: 
"[...] Das Fernsehen ging auf Dauersendung, obwohl es über Stunden keine Neuigkeiten gab. Die sozialen Netzwerke sorgten für schnelle Verbreitung von Gerüchten. 2300 Polizisten waren zeitweise allein damit beschäftigt, größtenteils falschen Gerüchten nachzugehen. Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die die Bundeswehr in Alarmbereitschaft versetzen ließ, kann nicht für sich in Anspruch nehmen, für Entspannung gesorgt zu haben. [...] Zwar ist jede Gewalttat ein Drama, aber nur die wenigsten rechtfertigen einen Ausnahmezustand. Er kann Nachahmungstäter sogar ermutigen [...] Wird der Ausnahmezustand die Regel, haben die Terroristen schon ohne Anschlag ihr Ziel erreicht: Freiheit einzuschränken und die Gesellschaft nachhaltig zu verunsichern." [Hervorhebung von mir]

In der gegenwärtigen Situation existiert genügend Sprengstoff; der Zulauf zu rechten Zündlern ist so groß, dass nur offene Streitkultur mit großer Besonnenheit und differenzierender Darstellung die Chance bietet, sich über die notwendigen Schritte klar zu werden und sie mit der nötigen Entschlossenheit im demokratischen Konsens zu tun. Haltlose Anschuldigungen helfen da nicht weiter. Das gilt auch für Wagenknechts Behauptung, Merkel hätte ihr "Wir schaffen das." "leichtfertig" geäußert. Wenn Merkel so lange den Kurs Festung Europa gestützt hat, dann gewiss, weil sie geglaubt hat, dass ein anderer Kurs kaum konsensfähig sei. Dass er so wenig konsensfähig war, wie sich inzwischen gezeigt hat, macht es umso dringlicher, die Nüchternheit zu bewahren - oder auch zurück zu gewinnen, die der Münchener Polizeisprecher* am Abend der Gewalttat im Einkaufszentrum so vorbildlich demonstriert hat.

mehr dazu: Wut der Linken auf Wagenknecht wächst SPON 29.7.16

*vgl. die Löschdiskussion zum Wikipediaartikel

Der Entwurf zu diesem Artikel wurde am 27.7. (in Zeitnot) in Fonty veröffentlicht. Es dauerte bis heute, bis ich dazu kam, die Flüchtigkeitsfehler auszumerzen. Für den Hinweis auf verbliebene Fehler bin ich dankbar.